Sonntag, 12. September 2010

Bildungspolitiker, schaut euch mal Lettland an!

Ich nehme mir mal ein bisschen Zeit um etwas über die Schule zu berichten.
Die letzte Woche ist für mich eigentlich nur so dahin geplätschert und langsam befinde ich mich im richtigen Alltag des lettischen Lebens, welches viele positive Dinge für mich bringt, aber auch ein paar kleine Schwierigkeiten birgt.
Unter anderem zum Beispiel die Tatsache, dass ich in der Schule wirklich gar nichts verstehe, von dem was die Lehrer sagen. In den meisten Fächern, bin ich mir allerdings, durch das geflüsterte Englisch, meiner freundlichen Sitznachbarn, zumindest des Themas bewusst. ;-)

Schon in der ersten Schulwoche sind mir viele Unterschiede zu Deutschland aufgefallen!
Zum Beispiel habe ich bis jetzt nur Lehrerinnen gesehen! Als ich meine Schwester danach gefragt habe, musste sie kurz nachdenken, bis sie mir sagen konnte, dass einer der Sportlehrer und ein Lehrer für Programmieren, die einzigen männlichen Autoritätspersonen der Schule sind.
Ein männlicher Sportlehrer muss aber wohl auch vorhanden sein, denn der Sportunterricht ist in allen Stufen Geschlechter getrennt.
Apropos Stufen: Meine Schule lehrt alle Stufen, von der 1. bis zur 12. Klasse. Auch hat man bis zum Schluss einen Klassenverband, also keine Kurse. Dem zu Folge kann man also auch nicht so "frei" wählen, wie in Deutschland, nämlich eigentlich gar nicht. Bis zur 9. Klasse besteht die Schulpflicht, danach kann man frei entscheiden, ob man weiter zu Schule gehen möchte oder nicht. (Das hängt natürlich wie in Deutschland auch ein bisschen von den Noten ab. Die sind hier im übrigen auch anders: Freuen darf man sich über eine 10; bei einer 1 sollte man wohl noch ein bisschen üben.)
Wenn man dann in die 10.Klasse kommt, kann man sich für die Matheklasse entscheiden, oder für den "normalen" Weg. Wer in der Matheklasse ist, kann man an den Buchstaben ablesen. So ist eine 10a immer die Matheklasse, die 10b vielleicht auch noch, die 10c ist dann meistens eine "normale" Klasse und in den Augen der "Matheschüler" dann wohl etwas schlechter (wenn ich die Kommentare meiner Mitschüler richtig deute).
Ich bin hier auch in der Matheklasse (alle Leute die über meine wunderbaren Kenntnisse in Mathe wissen, werden sich jetzt wahrscheinlich krümmelig lachen), dass beudeutet für mich 6 Stunden Matemātika (Mathe), 3 Stunden Fizika (Physik) und 2 Stunden Ķīmija (Chemie) in der Woche. Wirklich hart. In Mathe versuch ich so gut es geht mitzuarbeiten, was schwierig ist, weil die schon viel weiter im Stoff sind und es dazu (wie es scheint) alle voll raus haben, aber in Chemie und Physik versuche ich mir jetzt einfach ein paar Sprachkenntnisse anzueigenen, in dem ich Vokabeln lerne, oder ähnliches mache.
Zu erwähnen sind noch die Stunden, in denen Vēsture, also Geschichte, auf dem Plan steht. Der Unterricht besteht nämlich daraus, dass die Lehrerin redet und alle SchülerInnen Wort für Wort mitschreiben was sie sagt (meistens so 2-3 Seiten pro Stunde). Das einzige was ich bis jetzt verstanden habe ist, dass es irgendwie etwas mit den Wikingern zu tun hat. Den Berichten meiner Klassenkameraden zu folge, muss man das geschriebene der Stunde dann lernen und im Test genauso wiedergeben können.
Generell ist meine Klasse im Unterricht sehr ruhig und hört zu, es scheint, als werden niemals Fragen gestellt, und es wird nicht aufgezeigt, sondern die Antwort (falls die Lehrerin mal eine Frage stellt) in die Klasse gerufen.
Ein weiterer Unterschied: Jeder Lehrer hat nur ein Fach, welches er unterrichtet und das immer im gleichen Raum. Neben den Türen eines jeden Raumes, hängen kleine Bilderrahmen mit dem Vor- und Nachnamen der Lehrkraft und dem Namen des jeweiligen Faches. Die Lehrer werden allerdings nicht mit Namen angesprochen sondern mit "skolotāj", was wohl so viel wie "Lehrer" bedeutet.
Die Ausstattung der Schule ist im übrigen auch viel besser! Ich habe ja schon kurz von dem Prinzip der E-Klasse erzählt (ich habe jetzt auch mein eigenes Konto :)) und dass in jedem Raum ein Computer steht, aber das ist nicht alles! Überall hängt ein Beamer an der Decke, der mit dem Computer der Klasse verbunden ist und die Tafelbilder in Form von Power-Point-Präsentationen an die Wand zaubert. - Tschüss ihr gammeligen Tageslichtprojektoren! Übrigens, was ja auch noch viel wichtiger ist, kann wirklich jeder der Lehrer (,die ich bis jetzt kennengelernt habe) mit diesen Dingen umgehen!
Generell scheint es, als gingen die Schüler viel freundlicher mit ihrer Schule um, allerdings kommt einem die Schule dabei auch entgegen. Die Schule ist nirgends verdreckt, kein Müll, keine Schmierereien und saubere Toiletten. Dafür gibt es in allen Fluren Bänke, man kann in den Pausen bleiben wo man will und hat die Möglichkeit, für recht wenig Geld etwas leckeres, warmes essen zu können.
Forši (cool), oder?

1 Kommentar:

  1. 6 Stunden Matemātika (Mathe), 3 Stunden Fizika (Physik) und 2 Stunden Ķīmija (Chemie) in der Woche...
    soso. 6 + 3 + 2 = 11
    11 / 5 ~ 2
    ochaaaa (würde man hier jetzt sagen)...
    2 Stunden pro Tag? Bombastisch... =D ;)
    (Da kommen aber hoffentlich noch ein paar andere Fächer, wie du Geschichte erwähnst dazu, oder?!)

    Wenn nicht, wechsel ich mein Austauschland,...
    Nein, das tue ich nicht, denn ich, bzw für mich wurde ein "Profil" gewählt, was für mich 14 Wochenstunden Englischunterricht und nur eine Mathe bedeutet.
    Ja, ich habe ein Jahr quasi kein Mathe.
    Im ersten Moment hört sich das cool an, aber dafür wird es dann in einem Jahr um so schwieriger, den Anschluss zu finden...

    Wir werden sehen ;)
    Aber es hat Spaß gemacht, den Bericht zu lesen, und zu sehen, wie unterschiedlich die Schulsysteme doch sind!

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